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"Wer zum erstenmal nach Minsk kommt, ist irritiert und überwältigt von den riesigen Boulevards, den endlosen Parks mitten im Zentrum, den vielen mit sonderbarem Dekor reich verzierten Palästen.Von den Sowjets als ideale Stadt, als Verwirklichung der kommunistischen Utopie entworfen, hat Minsk sich in einen Raum des Absurden verwandelt: architektonisches Monument einer Stadt des Glücks und Ausdruck der Unmöglichkeit, es zu erlangen. Hier findet der Kampf um die Zukunft statt, die Demokratie drängt hinein, die die Errichtung einer idealen Stadt schon immer torpediert hat. Der weißrussische Künstler, Architekt und Publizist Artur Klinauˇ porträtiert die »Sonnenstadt der Träume«, erzählt vom Widerstand gegen die Diktatur Lukaschenkos und konstatiert das Verschwinden Europas in der Dämmerzone Weißrußland".

(Suhrkamp)

Minsk

 "Über den verwilderten Hofparks hing eine Zeitlosigkeit wie über den entvölkerten Ruinen Karthagos, eine Utopie im Wortsinn. Ihre pseudoantiken Gipsvasen standen, von Kletten und Fliedergebüsch umrankt, in der unbekannten Zeit eines unbekannten Ortes. Durch die Wipfel der Pappeln schimmerten die Rückfassaden der Paläste mit ihren vereinzelten Renaissancefenstern, die aus den unverputzten Ziegelmauern hervorstachen, mit den verzierten Gesimsen, den abgebrochenen Karniesen, den eingefallenen Dächern der Balkonschuppen, den korinthischen Pilastern der auf den Platz führenden Bögen. Unter den Pappeln sprangen Kinder mit ihren Phantasiemaschinenpistolen herum und spielten Krieg, alte Männer mit roten Nasen gingen mit sehr realen Wodkaflaschen in der Hand vorbei, Hausfrauen hängten Wäsche auf. Es entstand ein Eindruck von Ewigkeit und Zeitlosigkeit, als seien dies die Ruinen einer Zivilisation, deren Zeit in Fragmente zerfallen ist, die sich wie Glassteinchen eines Kaleidoskops zu seltsam bizarren Mustern zusammensetzen. Diese Muster waren real und gespenstisch zugleich. Man konnte zu einer Vase gehen und ihre rauhe, weiße Oberfläche berühren. Zugleich war sie aber auch eine Illusion, ihre Präsenz an diesem Ort hatte etwas Irreales, sie war in die Einsamkeit dieser schlafenden Stadt geworfen, aus einer unbekannten Kultur, aus einer unbekannten Zeit, aus einer Zivilisation, die es nicht gibt, aus einer Zeit, die es nicht gibt".

Artur Klinau

Minsk - Sonnenstadt der Träume

Suhrkamp, 176 pagine, 9 Euro