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DAS ROMANISCHE CAFÉ IN BERLIN

Außen umfriedete das "Romanische" die wohl schönste Kaffeehausterrasse Berlins. Da saß man, ruhevoll abgeschirmt, dicht am Trubel zwischen Gedächtniskirche und Tauentzienstraße, tankt behaglich seinen Schwarzen, während draußen die Räder der Autos knirschten und die Zeitungshändler die Tagessensationen ausschrien. Von den Bäumen des Zoologischen Gartens wehte Chlorophyll herüber und im Herbst der strenge Duft der morschen Blätter.

Wenn nachts der Lärm der Strassenbahnen und der Autos abgeebbt war, hörten die "Nachtvögel", die auf der Kaffeehausterrasse einen Extrunk machten, manchmal die Rufe ihrer gefiederten "Brüder und Schwestern" aus den Zookäfigen, das Heulen der Eulen und den kurzen Schreckschrei der Käuze.

Vor dem Einbruch der Bohéme ist das "Romanische" eines der vielen Berliner Fremdencafés gewesen, unter denen ein paar Stammgäste saßen, um in Ruhe die Zeitung zu lesen oder Briefe zu schreiben. Nunmehr drangen die nachlässigen Leute des KdW ungestüm in den gepflegten Bereich.

[...] Ein Wiederstandsnest ist das "Romanische" nicht geworden. Es war passé, schon vor seiner Niederbombung. Sein Jahrzehnt von Bedeutung war schon erfüllt, ehe der Bau mit dem großen und kleinen Bassin, mit der Schachgalerie und der herrlichen Terrasse in Trümmer ging.

Georg Zivier, Das Romanische Café, 1965